Hätte mir vor ein paar Monaten jemand gesagt, dass er oder sie gerne den ganzen Tag durch dem Wald marschiert, ich hätte diese Person für komplett verrückt erklärt.

Und dann fing das bei mir mit der Wanderei an. Schön ist es zu Fuß durch die Natur und manchmal auch durch die Stadt oder Industriegebiete zu gehen. Man entdeckt stets Neues. Man kann im Flow gehen und die Umgebung genießen. Man ist draußen, zumeist an der frischen Luft, bewegt sich, tankt Sonne. Ein sehr schönes Hobby, wie ich finde.

Irgendwann bin ich über ein Wanderprogramm, für Menschen vor der Rente, gestolpert. Dort wurden verschiedene Wanderungen angeboten und die Verrückteste sprang mir direkt ins Auge. Eine Weitwanderung von Pforzheim nach Stuttgart. 11 Stunden reine Gehzeit.

Mein erster Gedanke: Das ist geil, das ist total bescheuert und verrückt, das will ich machen.

Dazu sollte ich noch sagen, dass ich mit dem Wandern erst im vergangenen Herbst begonnen habe und dieses Jahr zwar schon einige Kilometer hinter mich gebracht habe, aber die weiteste Tagesstrecke bei 27 km lag. Zudem bin ich eine Wandersfrau, die erstmal losläuft und dann überlegt welches Equipment denn wirklich benötigt wird. Also etwas blauäugig, aber immerhin kaufe ich nicht das Sportgeschäft leer und trage dann unnützes Gerät durch den Wald.

Ich wollte also die Wanderung machen und habe mich dann doch nicht so recht getraut mich anzumelden. Ich habe regelmäßig die Beschreibung gesichtet und mich gefragt ob ich das schaffe. Ich habe es Freunden und Bekannten erzählt, die mit einer wenig aufbauenden Resonanz geantwortet hatten. Zum Glück wusste ich vorher schon, dass ich manchmal ein wenig verrückt bin.

Und dann war Sie da, die große Motivateuse. Eine Bekannte, mit der ich zufällig ein paar Mal eine Feierabendrunde gedreht habe. Sie verriet mir, dass Sie das auch schon einmal gemacht hatte ohne große Vorbereitung. Das Problem sei nicht die Fitness sondern der Kopf.

Also gut, gestärkt durch ihr Gutzureden habe ich mich angemeldet.

Am Freitagabend verzichtete ich auf den Konzertbesuch mit Freunden und blieb daheim auf dem Sofa, um Kräfte zu schonen. Der Wecker war auf 5:15 Uhr getimed und der Zug ging um 6 Uhr. Dann gab es kein Zurück mehr. Ich hatte leichte Trail Running Schuhe an, einen Rucksack ohne Hüftgurt und 4 Liter Wasser und was zu beißen dabei sowie ein bisschen Schnick Schnack, den ich beim nächsten Mal sicherlich zuhause lasse.

Die Wanderung startete in Pforzheim, um 7:30 Uhr, am Bahnhof mit 9 Personen. Die Luft war noch herrlich kühl und es war wunderbar sonnig. Zuerst ging es ein Stückchen durch die Stadt, dann weiter in Richtung Natur und hinein in den Wald. Das Tempo war ein sportliches, die Motivation war hoch und ich war noch frisch und erholt. Die Mitwanderer berichteten fleißig von Ihren Wandererfahrungen: mehrere Weitwanderungen und Marathonwanderungen, Mehrtagestouren durch die Wüste, 24 Stundenwanderungen, Bergwandern und und und ich konnte von meinen 27 km erzählen. Das führte zu großen Augen und der Beteuerung, dass das sehr mutig von mir sei.

Das Tempo blieb zügig aber angenehm. Gegen halb 12 machten wir dann nach 4 Stunden eine erste Pause. Da jeder etwas zu Essen dabei hatte wurde die Mittagseinkehr gecancelled und wir hatten 15 Minuten für die Bio-Nöte: Essen rein, Wasser rein, Wasser raus. Dann ging es weiter.

Hinter Heimsheim, so nach knapp 25 Kilomentern mussten zwei Teilnehmer abbrechen und wir gingen zu siebt weiter. Da die Strecke wohl landschaftlich nicht so überzeugend war und es einen Zeiterfolg gebraucht hatte, wurde das Tempo ordentlich angezogen auf eine Wandergeschwindigkeit von 6,5 km in der Stunde (gemütliches Wandern liegt so bei 4,5 km/ Stunde). Ich erinnere mich in der Zeit kaum an die Umgebung, lediglich an das Mantra: Füße lauft, lauft, lauft schneller. Irgendwann ging es hintereinander einen V-förmigen Weg mit lockeren Steinen und Wurzeln entlang. Das war der Moment an dem eigentlich nichts mehr ging. Das muss nach ca. 30 km gewesen sein. Da waren wir dann schon über 6 Stunden unterwegs mit einer kleinen Pause. Der vierte Liter Wasser war angebrochen und ich kam einfach nicht recht hinterher. Ich fing an mich zu fragen, ob das wirklich sein musste mit der Wanderung. Wer eigentlich auf die Idee gekommen ist und warum ich dachte, dass ich ohne richtiges Training einen solchen Gewaltmarsch schaffen würde. Schmerzen hatte ich zwar nicht, aber das Gehen war, als würde man durch Pudding waten.

Die nächste Pause und erste richtige Erholungsphase sollte es am Glemseck geben. Dieses Ziel erreichten wir nach 40 km gegen 16 Uhr. Die 10 km bis dahin waren kein Spaß. Der Körper wollte nicht mehr recht, es fing dann doch alles an zu schmerzen. Der Kopf wollte mich zum Abbruch überreden. Das Tempo blieb stamm. Die Hitze tat ihr Übriges.

Am Glemseck wollte ich eine Cola trinken und schauen wie und ob es weitergeht. Beim Einlaufen dort war ich noch der festen Überzeugung, dass ich alles hinwerfe. Eine halbe Stunde sitzen, eine Cola, eine Stulle und ein Eis später war ich voller Elan auf jeden Fall bis zum nächsten Abholpunkt mitzugehen, so ca. 10 weitere Kilometer. Unser Wanderführer versicherte zudem, dass jetzt der gemütliche Teil komme, dass wir am Bärenschlößle eine Pause machen und super in der Zeit lägen.

Mit schmerzenden Füßen und immer noch ohne Flow ging es bei mir weiter. Zumindest konnte ich nun näher an der Gruppe bleiben und war weiterhin in Gespräche verwickelt, die mich über Wasser hielten. Nach der weiteren kurzen Pause am Bärenschlößle taten die Füße richtig weh, aber das Ziel war in erreichbare Nähe gerückt. Der letzte Abschnitt der Wanderung war dann so entspannt, dass ich doch noch in den Flow kam. Nach einem verdienten Bier auf der Karlshöhe war der Spaziergang über die Königstraße zum Bahnhof quasi wirklich ein Spaziergang. Dann waren die 55 km voll. Ich war happy und hatte mal wieder gezeigt, dass ich zwar ein bisschen verrückt bin, aber immer im Rahmen des Möglichen.

Auf der Hälfte der Wanderung war es wirklich zäh und ich war mir sicher, dass ich so einen Quatsch nicht noch einmal machen werde. Heute, zwei Tage danach, bin ich mir da nicht so sicher. Nächstes Mal dann mit etwas größeren und stabileren Schuhen und einem Rucksack mit Hüftgurt. Das Wandern ist mir auf jeden Fall nicht vergällt worden und ich überlege bereits am kommenden Wochenende noch einmal das Feiern gegen das Wandern zu tauschen. Aber dann nur entspannte 15 km.

Eine solche Weitwanderung ist eine tolle Grenzerfahrung bei der man ohne große Gefahren an sein eigenes Limit kommt. Und der Körper belohnt es ordentlich mit Serotonin, Adrenalin, Dopamin und mit Endorphinen.

Und vom Schwäbischen Albverein gibt´s auch einen offiziellen Rückblick: „Von Baden nach Württemberg“- eine anspruchsvolle Weitwanderung im Rückblick