Vor ein paar Tagen war Coco zu besuch. Wunderbarerweise hatten wir es trotz Cocos Freizeitstress geschafft, ein Treffen zu zweit hinzubekommen und konnten so ganz unverblümt über alle Themen sprechen, die einem so in den Sinn kommen. Wohlgemerkt das eine oder andere alkoholische Erfrischungsgetränk war auch dabei. Es war ein sehr schöner Spätnachmittag!

Ein Thema, dass mir seit diesem Tag immer wieder im Kopf ist, ist so bekloppt, dass ich darüber schreiben muss.

Der Tag unseres Treffens war ein heißer Sommertag. Daher hatte ich sommerliche Kleidung an: eine bequeme, kurze, schwarze Jeans und dazu ein Leinenhemdchen im Stil Muscle-Shirt, schwarze Sneakers, Sonnenbrille und dazu meine geliebte Flatcap auf dem Kopf.

Uns hatte es an diesem Nachmittag in eine Lokalität verschlagen, die man eher als chic bezeichnen würde. Ich äußerte, dass ich mich etwas underdressed fühle, in diesem Aufzug, an diesem Ort. Coco konnte das nicht ganz nachvollziehen.

Ich versuchte das genauer zu erklären. Erst wusste ich selbst nicht was es genau war, aber dann kristallisierte sich heraus: Ich fühle mich nicht so wohl in diesen Klamotten, weil ich darin ziemlich gay aussehe!

Aha! Ich sehe gay aus in meinen Klamotten!

Das führte dank Coco zu großem Gelächter. Sachen gibt es…unglaublich…schaut ein homosexueller Mensch homosexuell aus. Boah!

Wenn man sich darüber weitere Gedanken macht wird es noch bescheuerter:

  • Sieht ein Mann aus wie ein Mann.
  • Sieht ein Südländer aus wie ein Südländer.
  • Sieht eine Frau mit blonden Haaren aus wie eine Blondine.
  • Sieht ein großer Mensch groß aus.
  • Sieht ein dicker Mensch dick aus.
  • Sieht ein dünner Mensch dünn aus.
  • Sieht ein stark behaarter Mensch haarig aus.
  • Sieht ein reicher Mensch versnobt aus.
  • Sieht ein unsicherer Mensch unsicher aus.
  • Und ganz krass: Sieht eine Lesbe lesbisch aus.

Was ein unglaublicher Quatsch in einem Kopf passieren kann, in dem Fall in meinem Kopf. Da ist man lesbisch und schaut hin und wieder so aus. So what! Warum mache ich mir darüber eigentlich Gedanken?

Ich weiß warum ich mir darüber Gedanken mache und werde dazu auch gleich noch etwas sagen. Aber, es ist doch total unsinnig, dass man sich für etwas Offensichtliches, das zu einem dazugehört und das nicht geändert werden kann, irgendwie schämt. Blond, dick, dünn und haarig kann man eventuell ändern. Aber Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft sind nicht wirklich oder nur schwer veränderlich. Und dabei ist es ja nicht so, dass ich mir meine Homosexualität wegwünsche. Ich habe mich mit meiner sexuellen Orientierung arrangiert und bin eigentlich bei mir selbst angekommen. Aber irgendwie ist es manchmal trotzdem schwer.

„I am what I am“ sang Gloria Gaynor. Und was tue ich? Ich fühle mich mit mir komisch.

Warum fühle ich mich mit mir komisch? Weil es nicht sexy oder cool ist eine Lesbe zu sein. Das klingt nicht gut, das sieht nicht so sexy aus, das ist gesellschaftlich nicht so angesehen. Ich will dazugehören, ich will dabei sein, ich will Teil vom großen Ganzen sein, ich will keine Randgruppe sein, ich will nicht exotisch sein, ich will kein Außenseiter sein, ich will sexy sein.

Ich denke das ist soweit nachvollziehbar. Jetzt kommt aber der schrägste Teil der Überlegung: Andere Mädels, die feminin und burschikos können finde ich ganz oft sehr attraktiv. Aber die lesbische Art von Attraktiv, die ist anders als die Attraktivität in der heteronormativen Welt. Wie meine ich das…also Mila Kunis oder Emma Watson sind sexy. Hannah Hart oder Ellen DeGeneres (leider sind mir keine spannenderen Beispiele eingefallen) sind auch attraktiv, aber eben anders. Ich finde coole lesbische Frauen oft sehr ansprechend und würde niemals so über diese Frauen denken, wie ich es über mich selbst tue. Ein totaler Quatsch!

Als Lesbe lesbisch aussehen ist doch was. Das passt doch. Da passt doch das Bild von außen und innen zusammen. Daher sollte ich viel öfter froh sein, dass ich eine coole Lesbe bin und in meinen Kreisen nie das Gefühl hatte nicht attraktiv genug zu sein. Dieses Gefühl kenne ich nur in der Interaktion mit Männern und Heterofrauen. Aber das sollten eigentlich weder meine Probleme noch meine Maßstäbe sein.

Ich sage ja zu mir! Und ich sollte öfter ja sagen zu meinem hin und wieder sehr lesbischen Aussehen. Denn wenn ich nicht als gutes Beispiel vorangehe und Sichtbar bin, wert tut es dann?