Man sagt doch so schön „Butter bei die Fische“, wenn man will, dass der andere ganz ehrlich ist. Ich als „Neu-Veganer“ möchte mal ganz ehrlich sein und über Erfolge und Schwierigkeiten berichten.

Jeder, der schon einmal aufgehört hat etwas zu tun, dass er gerne gemacht hat, weiß dass das nicht so leicht ist. Ich habe zwei Mal in meinem Leben aufgehört zu rauchen und es war schrecklich. Ich hoffe, dass ich nie mehr in die Raucherfalle tappe um mir einen weiteren Entzug zu ersparen. Jeder, der schon mal gefastet hat, also Süßigkeiten oder Alkohol oder Fleisch, kennt das Gefühl von Verzicht und von Verlust. Keine Kippen, kein Schnitzel, kein Bier dazu…Dinge, die sich herrlich kombinieren lassen und so schön gesellschaftstauglich sind. Oder Diäten, wenn man versucht sich einzuschränken in seinem Handlungsspielraum. Fürchterlich.

Und dann gibt es Menschen, die sich entschließen den Rest ihres Lebens auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Einfach mal einen essentiellen Lebensbereich total umwerfen. Total verrückt!

Und wenn ich ehrlich sein soll, psychologisch ist es ein bisschen wie mit dem Rauchen. Ich habe das Rauchen geliebt, wusste bereits im Kindergartenalter, dass ich später Raucher werde und konnte mir als Erwachsene ein Leben ohne diese Rauchrituale nicht vorstellen. Und es gibt noch mehr Dinge, die ich sehr gerne tue, ich koche gerne und ich habe ein Talent für deftige Fleischgerichte. Ich koche gerne und gut Gulasch, Zürcher Geschnetzeltes, Schweinelende in Champignonrahmsauce und dergleichen. Wie wird man da zum nichtrauchenden Veganer?

Der Weg, den ich zurückgelegt habe, der ist schon ganz schön lang. Nicht, dass ich lange vegan Lebe, aber ich beschäftige mich schon länger mit diesem Thema. Vor über zwei Jahren hatte eine Freundin von mir Attila Hildmann entdeckt und schwärmte von der „Vegan for fit“-Challenge und den Gerichten und der Idee dahinter. Sie wünschte sich eine Spiralschneider zum Geburtstag um besser Zucchininudeln herstellen zu können, um vor Wettkampftagen noch ein Kilo leichter zu werden. Ich machte mich darüber lustig. Ich machte mich lustig über die bekloppte Idee vegane Speisen zu essen und darüber, dass man Nudeln aus Zucchini isst und dafür nen Gemüsespitzer braucht. Wie albern! Ich erinnere mich noch genau an die Situation. Wir saßen im Park bei einem Bierchen, es war Frühsommer und ich belächelte das Thema. Wiederwillig schenkte ich der Freundin den Spiralschneider. Aber die Idee war in mein Hirn gepflanzt. Vegan! Es ratterte und ratterte im Oberstübchen, langsam und dann immer schneller. Irgendwann entdeckte ich das Hildmann Buch „Vegan for youth“ im Angebot und investierte die 12 Euro. Es war eine gute Investition. Was der Medienproll so schreibt ist total valide. Ich hätte damals nicht gedacht, dass die Infos aus diesem Buch mich später noch einmal so stark beeinflussen würden.

Ich kochte auf jeden Fall die ersten veganen Rezepte und kaufte entsprechende Dinge: Spiralschneider, Mandelmus, Agavendicksaft, Dinkelvollkornnudeln, Sojasauce, Tofu in allen Variationen, etc. Das war zum Jahresende 2015 und ab dem 1.1.2016 machte ich meine erste Hildmann-Challenge. Der Versuch zwei Monate vegan. Die Außenwelt reagierte ganz ok, da es ja nur vorübergehend war. Ich hielt nicht ganz durch, denn eine komplette Umstellung der Ernährungsgewohnheiten ist extrem anstrengend: keine tierischen Produkte, kein Industriezucker, kein Kaffee, kein Alkohol dafür Sport und Meditation. Halleluja, dass ich das so lange durchgezogen hatte. Verbote und Disziplin – ich kann sagen, dass macht keinen Spaß. Und Essen sollte eigentlich sehr viel mit Spaß und Genuss zu tun haben.

Durch diese ersten Erfahrungen habe ich viele neue Rezepte und Lebensmittel entdeckt und hin und wieder im Alltag versucht Speisen komplett vegan zuzubereiten. Außerdem fing ich an bestimmte Lebensmittel nicht mehr zu essen oder nicht mehr zuhause zu verwenden, wie Milch, Butter, Hähnchen und Fleischbrühe.

Zu Beginn des Jahres 2017 versuchte ich erneut die Challenge und „scheiterte“ wieder, da die Anforderungen viele sind und ich mich auch daran halten wollte. Aber in der Folge der letzten Challenge, wurden fast alle tierischen Lebensmittel aus meiner Küche verbannt. Meine Frau kauft noch ab und an Käse oder bekommt einen Serrano-Anfall, aber die Abstände nehmen ab. Viele Gewohnheiten haben sich seitdem verändert. Andere Lebensmittel sind in den Fokus gerückt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Hummus essen werde oder so viel Begeisterung für Gemüse entwickle und die Herausforderungen schätze traditionelle Fleischgerichte vegan hinzubekommen.

Durch die Beschäftigung mit dem Thema hat sich allmählich etwas verändert. Und dann las ich das Buch „China Study“ von Campbell und mir fiel wie Schuppen von den Augen (da wären wir wieder beim Fisch vom Artikelanfang), was ich nicht will. Campbell führt auf, dass alle Krankheiten, vor denen wir uns in der westlichen Welt fürchten auf den Konsum von tierischen Lebensmitteln zurückzuführen sind. Und so einfach ist es: lässt man diese Lebensmittel weg, dann sinkt das Risiko von Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes, Übergewicht, Osteoporose, Demenz und all dieser bekannten Horrorkrankheiten. Ich hab total Lust darauf alt zu werden und dabei fit zu sein und klar im Kopf. Das ist das, was auch Attila Hildmann  in „Vegan for youth“ vorbetet. In der China Study habe ich mich dann davon überzeugen lassen.

Ich versuche, so gut ich es hinbekommen, mich vegan zu ernähren. Ich verabscheue die Massentierhaltung, die Milchindustrie und die perverse Tierzucht aber ich esse wirklich gerne ein Steak und ich mag Eierspätzle mit Soße (ich bin halt Schwabe) und Meeresfrüchte und Schakschuka und Gulasch und ich könnte diese Liste ewig fortsetzen.

Heute esse ich trotzdem jeden Tag Dinge, die ich gerne mag. Es gibt so viele Gerichte und es gibt so viel zu entdecken. Seit ich vor einem Monat mit der Ausbildung zum veganen Ernährungsberater gestartet habe, bin ich dabei die Ausflüge in die Omnivore-Welt zu reduzieren, also die seltenen Tage des Konsums tierischer Produkte noch geringer zu halten. Früher gab es für mich im Restaurant keine Alternative zu Fleisch. Heute geht der Blick zuerst auf die vegangen Leckereien und ich esse viel abwechslungsreicher. Aber es hat sich auch was getan auf den Speisekarten meiner Heimat, die Anzahl der veganen Gerichte steigt ständig.

In der Ausbildung habe ich gelernt, dass der Mensch bevor es die Überflusskrankheiten gab ca. 8-10 % tierische Lebensmittel verzehrt hat. Das behalte ich im Hinterkopf, warum sollte ich genauer sein als ein Finanzbeamter, wenn ich mal etwas tierisches esse? Ich sehe mich als Veganer meiner Gesundheit zuliebe und nicht aus reinen Tierschutzgründen. Ich möchte nicht auf jedes Stück Kuchen verzichten, aber heute esse ich es bewusst (und manchmal schmeckt es gar nicht mehr, weil z.B. zu viel Butter drin ist) und nur in Ausnahmefällen.

Ich habe eine ganz schöne Strecke auf dem Weg ins vegane Glück zurückgelegt und werde diesem Weg weiter folgen. Eins habe ich dabei gelernt: ich hab oftmals ne doofe Meinung zu Dingen von denen ich keine Ahnung habe, nicht alles was gerade gehyped wird ist schlecht und manchmal brauchen Dinge einfach Zeit. Eine so krasse Umstellung vom Allesfresser zum Pflanzenfresser klappt einfach nicht in 4 Wochen. Aber es ist eine gute Erfahrung und ein guter Beitrag für meine Zukunft. Ich rauche nicht mehr, ich esse kaum tierische Lebensmittel, ich putze mindestens 2x am Tag die Zähne und gehe regelmäßig zum Arzt, ich treibe Sport und schaue, dass mein inneres Kind fröhlich ist. Und es tut mir wirklich gut!